Kirchenschließungen bringen Trauer und eröffnen neue Chancen

Markus Potthoff und Wolfgang Reuter in der „Wolfsburg“: Seelsorger sollten erst ein offenes Ohr haben, dann gemeinsam neue Perspektiven entwickeln

Ein offenes Ohr und Respekt vor den Gefühlen des anderen – das sollten nach den Worten von Markus Potthoff die vielen Menschen erwarten können, die den Verlust der eigenen Pfarrkirche mit Schmerz und Wut beklagen. Der Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung im Bischöflichen Generalvikariat gestaltet gemeinsam mit rund 1.200 Aktiven den seit drei Jahren laufenden Pfarreientwicklungsprozess, der die Kirche im Bistum Essen zukunftsfähig machen soll. Gemeinsam mit dem Düsseldorfer Pastoralpsychologen, Psychoanalytiker und Psychiatrie-Seelsorger Prof. Dr. Wolfgang Reuter sprach Potthoff am Donnerstag, 6. September 2018, in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim darüber, wie man seelsorgerlich mit den Gefühlen der Ohnmacht und Heimatlosigkeit vieler Menschen umgehen könne, für die mit dem Verlust ihrer Kirche eine Welt zusammenbricht.

Die Lage ist brisant: Nach einem Kassensturz des Bistums Essen im Jahr 2004/2005 kamen bereits 96 Kirchengebäude auf die Streichliste. Angesichts des Rückgangs der Kirchenmitgliederzahlen und der weiter schwindenden Finanzkraft der Kirche an Rhein, Ruhr und Lenne kommen nun einerseits die Methoden der Seelsorge, der Pfarreiorganisation und der Gemeinschaftsformen der Christen auf den Prüfstand. Andererseits werden von den derzeit noch genutzten 270 Kirchen und Kapellen bis zum Jahr 2030 nur 90 in die Zukunft geführt werden, so Potthoff. Einen „epochalen Einschnitt“ nannte das Akademiedozent Dr. Jens Oboth, der den Abend moderierte, verbunden mit der Frage, wie die Seelsorger mit den heftigen Emotionen ihrer Mitglieder nun umgehen könnten.

„Die alte Methode der Seelsorge, Riten, Umgangsformen und eine Trauerkultur im traditionell hierarchischen Gefälle anzubieten, würde ich aufgeben“, sagte dazu der Pastoralpsychologe Reuter. Vielmehr müssten Seelsorger und Gläubige auf Augenhöhe miteinander einen Umgang mit der im Moment sehr labilen Situation suchen. Ortsverlust gehöre zu den existentiellen Erfahrungen des Menschen, mit denen er aber von Anfang an umgehen könne, sagte Reuter: Angefangen bei der Geburt, der „Ent-Bindung“ vom eng gewordenen Mutterleib, die das Neugeborene im Geburtsschrei sofort lautstark und emotional kommentiere.

Reuter erinnerte aber auch daran, dass jeder dieser Ortswechsel im Leben auch Chancen biete. Manche Menschen warteten geradezu darauf, dass die Kirche sich verändere, um dann wieder neu dazu zu stoßen. Veränderung könne auch bedeuten, wieder zur Kenntnis zu nehmen, dass die liturgische Stätte nicht der einzige Ort sei, an dem Kirche sich verwirkliche, sondern ebenso Caritas-Standorte, Orte des Ehrenamtes und der Gemeinschaftsbildung.

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