Essener Nonne leistet Pionierarbeit im Rentenalter

Die 74-jährige Schwester Elija Nehen aus dem Essener Karmel-Kloster hat in Lettland ein neues Kloster aufgebaut.

Schwester Elija ist vor 50 Jahren in den Essener Karmel eingetreten

In den vergangenen Jahren hat sie in Lettland ein neues Kloster aufgebaut

Am Samstag ist der neue Karmel in Ikskile eingeweiht worden

Das kleine lila Telefon wird jetzt wohl häufig Pause haben. Immer wieder hat Schwester Elija Nehen in den vergangenen Wochen das Modell aus der Handy-Steinzeit unter ihrem schwarzen Ordensgewand hervor gezogen. Schließlich mussten vor dem großen Fest am Wochenende noch Handwerker koordiniert, Lieferanten bestellt und Gäste zum Kloster gelotst werden. Wer sie dann am Telefon hatte, ist vermutlich nicht auf die Idee gekommen, mit einer 74-Jährigen zu sprechen, die seit 50 Jahren dem „Schweigeorden“ der Unbeschuhten Karmelitinnen angehört und noch im hohen Alter die komplizierte lettische Sprache gelernt hat. Doch die fröhliche und ausgesprochen kommunikative Schwester, die seit 1968 im Essener Karmel-Kloster „Maria in der Not“ zuhause war, hat in den vergangenen 16 Jahren in Lettland ein neues Karmel-Kloster aufgebaut. Und dafür muss man eben deutlich mehr reden, als für Karmelitinnen eigentlich vorgesehen. „Sie wundern sich wahrscheinlich, was eine kontemplative Nonne hier alles so macht“, hat sie mit einem verschmitzten Lächeln gesagt, als sich am Freitagabend wieder einmal das Telefon unter ihrem Gewand bemerkbar gemacht hat.

Gesprochen wird nur während der „Recreation“

Und zugleich hat Schwester Elija im Gespräch keinen Zweifel daran gelassen, wie sehr sie sich danach sehnt, dass ihr Kloster in einem Vorort der lettischen Hauptstadt Riga nun endlich eingeweiht – und damit auch die Klausur geschlossen wird: Konnten bislang Arbeiter und Besucher überall im Kloster umhergehen, lebt die Nonne aus dem Ruhrgebiet mit ihren fünf lettischen und ukrainischen Mit-Schwestern seit der feierlichen Klausur-Schließung am Samstagnachmittag für sich alleine. Und damit meistens in Ruhe. Denn miteinander geredet wird in der geistlichen Frauen-WG nur während der täglichen „Recreation“, wenn die Nonnen gemeinsam Handarbeiten oder Basteln. Ansonsten wird gebetet, gelesen oder – schweigend – gearbeitet. In der Kirche sitzen die Schwestern hinter einem Gitter. Und wer die Nonnen künftig besucht, unterhält sich mit ihnen im „Sprechzimmer“ ebenfalls durch ein Holzgitter.

Größer könnte der Kontrast kaum sein, zwischen diesem zurückgezogenen, fast ausschließlich auf das Gebet mit Gott konzentrierten Leben – und der Pionierarbeit, die die Ordensfrau im Rentenalter in den vergangenen Jahren in Lettland geleistet hat. Einen Widerspruch kann sie darin dennoch nicht entdecken: „Ich bin überzeugt davon, dass sich der Karmel ausbreiten muss“, sagt sie. Und dazu gehöre dann eben auch ein Leben, das zeitweise außerhalb des Klosters abläuft. Zum Beispiel jahrelang allein, in einem fremden Land, oft in ziemlich armseligen Quartieren und mit zunächst sehr begrenzten Sprachkenntnissen.

Viel Gottvertrauen im Gepäck

Nicht aus Abenteuerlust, sondern weil sie diesen Auftrag verspürte, hat sie sich gemeldet, als ihr Orden 2002 jemanden für die Gründung eines Klosters in Lettland suchte. Eigentlich werden zu einer solchen Neugründung immer drei Nonnen gemeinsam losgeschickt. „Mindestens“, sagt Schwester Elija und schmunzelt wieder. Denn als sie damals ja gesagt hat war sie plötzlich alleine. Wobei – wirklich „alleine“ würde Schwester Elija kaum sagen. Schließlich hatte sie reichlich Gottvertrauen im Gepäck. „Ohne das geht es nicht“, sagt sie. „Elija geh, du brauchst doch keine Angst zu haben, Gott macht das schon“, habe die damalige Essener Priorin Schwester Joseph Maria ihr mit auf den Weg gegeben.

Große Unterstützung aus Deutschland

So gesehen sind Gott und Schwester Elija ein prima Team und der Neubau in Ikskile mindestens ihr gemeinsames Werk. Stolz ist unter Karmelitinnen verpönt und Schwester Elijas Sache wirklich nicht. Man nimmt es ihr ab, wenn sie völlig unaufgeregt sagt: „Ich bin keine Gründerin, ich bin geschickt worden.“ Und natürlich ist das Kloster nicht ihr alleiniges Werk. Erst die große Unterstützung – organisatorischer wie finanzieller Art – zum Beispiel vom Bonifatiuswerk, von Renovabis und vielen privaten Spendern haben den rotbraunen Bau nahe des Daugava-Flusses möglich gemacht. Doch hat vielleicht mancher Unternehmer, die als Förderer oder Geschäftspartner zuletzt mit Schwester Elija zu tun hatten, insgeheim überlegt, wie er die Frau mit diesen Manager-Qualitäten für die eigene Firma abwerben könnte.

Aber Schwester Elija will keine Managerin sein. Als am Samstagnachmittag nach einem großen Gottesdienst und einem fröhlichen Fest mit vielen Besuchern im Kloster der Rigaer Erzbischof Zbignev Stankevics in der Kirche das Gitter zwischen dem Bereich der Schwestern und dem der Gemeinde schließt, stehen vielen Besuchern und Angehörigen der Nonnen Tränen in den Augen. Doch Schwester Elija scheint fast Aufzuatmen. Sie tritt von Innen an das Gitter, wie um zu prüfen, ob das Tor auch wirklich zu ist, und lächelt. Für die Schwestern ist jetzt endlich Ruhe. Und das kleine lila Telefon bekommt einen neuen Platz – außerhalb von Schwester Elijas Gewand.

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